Fotografie

" (...) 'Man muss lernen, fünf oder sechs Faktoren miteinander in Einklang 
zu bringen: die Blende, Verschlusszeit, Brennweite, die Filmempfindlichkeit ... 
und die Handhabung der Kamera natürlich.

" Jeder kann knipsen, 
   auch ein Automat. 
   Aber nicht jeder kann
   beobachten. "

FRIEDRICH DÜRRENMATT

Ich finde, es ist wichtig, ein guter Techniker zu sein und einige Zeit dafür aufzuwenden, die richtige Technik kennenzulernen. Aber keine hundert Jahre oder so. Du wirst es schnell kapieren, wenn du beschließt, circa zehn Filme in drei Tagen durchzujagen ... nein, etwas mehr, sagen wir in drei Wochen, dann kannst du das aus dem effeff.'

'Und du entwickelst deine Filme selber?'

'Oh ja, ich habe das gelernt. Das gehört einfach zum Handwerk dazu. Das heißt, es gibt auch ausgezeichnete Fotografen, die ihre Bilder nie selber abziehen. Es gibt sogar sehr gute, die nichts von der Technik verstehen.
Den typischen Fotografen gibt es nicht. Das Entscheidende, um gute Fotos zu machen, das ist, mit der Kamera umzugehen, ohne darüber nachzudenken.
Weißt du, wenn zum Beispiel Blende 11 hast mit einer sechzigstel Sekunde Verschlusszeit und entscheidest dich dann für Blende 5,6 und weniger Tiefenschärfe, dann musst du automatisch auch die Verschlusszeit um zwei Stufen verstellen.'

'Hm.'

'Das wird zum Reflex.
Aber klar, nur weil du technisch gesehen gute Fotos machen kannst, heißt das noch nicht, dass du auch wirklich welche machst. Für echt gute Fotos muss man sich die Augen ausgucken.
Ich will meine ganze Energie reinstecken, um meine Fotografie zu verbessern. Ich will gute Fotos machen.'

'Und was ist ein gutes Foto?'

'Keine Ahnung.
Man muss suchen, suchen, suchen, unentwegt. Und nicht unbedingt im Spektakulären oder Kriegsschauplätzen.
Ich hoffe, dass ich aus Afghanistan gute Fotos mitbringen werde. Aber wenn ich meine Mutter in Blonville besuche oder dich in Saint-Émilion, wenn du deinen Wein anbaust, dann will ich genauso gute machen. Sogar noch bessere, wenn ich kann.
Eine Verbesserung der Fotos verläuft notwendigerweise über eine Verbesserung der Beziehung zu den Menschen.'

'Du willst also eigentlich damit sagen, um gute Fotos zu machen, muss man älter werden.'

'Ganz genau.'

'Nun, entschuldige, alter Freund, aber der Vorgang, den du da beschreibst, das ist ein Reifeprozess. Das ist wie beim Wein.
Ich sage ja, man sollte Wein anbauen. Denn alles, was du eben erzählt hast, ist beim Wein genauso, aber den kann man auch noch trinken, und alles ist gut.'

'Haha!' (...) "

aus: "Der Fotograf", Band 1, Guibert, Lefèvre, Lemercier, S. 60 ff.

  © Peter Ruthardt